Europäisch denken und leben (Unipress 4/1998)

ERASMUS-Gäste sind bei AEGEE Augsburg in guten Händen
AEGEE - dieses Kürzel steht für die “Association des États Généraux des Étudiants de l’Europe”, ein 1985 gegründetes “Forum Europäischer Studierender”, das mittlerweile über 20.000 Mitglieder in 258 Lokalgruppen, sogenannten “locals” zählt. In der seit 1993 existierenden Augsburger Lokalgruppe arbeiten derzeit 55 Studierende mit. Sie haben bislang zwei Kongresse, zwei Summer Universities, eine Academy und ein Regional Meeting organisiert, und seit 1996 beteiligen sie sich engagiert und maßgeblich an der Betreuung ausländischer Studierender, die im Rahmen des SOKRATES/ERASMUS-Programms Gäste der Universität Augsburg sind. Denn schließlich war AEGEE an der Geburt von ERASMUS nicht unbeteiligt ...

ERASMUS/SOKRATES: keine Selbstverständlichkeit
Unzweifelhaft ist heute das SOKRATES/ ERASMUS-Programm von entscheidender Bedeutung für die Schaffung eines europäischen Bewußtseins unter den Studierenden Europas. Doch die Geburt dieses Programms war denkbar schwierig. Kaum gegründet, unternahm AEGEE Europe in den Jahren 1986 und 1987 eine intensive und erfolgreiche Kampagne bei Medien und bei Entscheidungsträgern wie W. Martens in Belgien, R. Lubbers in den Niederlanden und F. Mitterrand in Frankreich. Das ERASMUS-Programm war nämlich bereits zweimal im Ministerrat von Großbritannien, Frankreich und Deutschland abgelehnt worden. Erst nachdem es den damaligen Mitgliedern des Vorstandes von AEGEE Europe während eines Mittagessens beim französischen Staatspräsidenten gelungen war, diesen von der Dringlichkeit einer Intervention zu überzeugen, ergriff Mitterrand selbst die Initiative, und: das ERASMUS-Programm wurde drei Wochen später angenommen. Weit über die finanziellen Aspekte hinaus.
Neben der damals allgemein verbreiteten Skepsis (“Euro-Sklerosis”), auch unter den Rektoren und Professoren der Universitäten Europas, war es vor allem die notwendige Ausstattung mit Finanzmitteln, die lange Zeit zur Ablehnung des ERASMUS-Programms geführt hatte. Es waren aber gerade diese Finanzmittel, die ERASMUS erst mit Leben erfüllten. Erneut gibt es nun Bestrebungen diese Finanzausstattung drastisch zu reduzieren, langfristig vielleicht gar völlig zu streichen. Und so sieht sich AEGEE Europe erneut in der Pflicht, für dieses Programm zu kämpfen und unermüdlich auf dessen Bedeutung für die Zukunft Europas hinzuweisen. Mögen Unternehmer vorrangig auf die Notwendigkeit von kultureller Mobilität in einer globalisierten Wirtschaft hinweisen, so stehen für AEGEE doch höhere Ziele im Vordergrund: ein Europa ohne Grenzen, in Frieden und Freiheit.
Obwohl es unnötig erscheint die Wirksamkeit des ERASMUS-Programms in diesem Zusammenhang zu erläutern, so darf man doch nicht müde werden, dies zu tun: Der Aufenthalt im Ausland (auch im Rahmen anderer Programme wie LEONARDO oder TEMPUS) schafft einen weiteren Horizont, mehr Toleranz und Verständnis für die andere Kultur, in der man zeitweise lebt, aber auch für andere Kulturen ganz allgemein. Nur dieses Verständnis für das Denken und Fühlen des Anderen und für dessen wirtschaftliche oder soziale Bedürfnisse kann es ermöglichen, die vorherrschende national orientierte Denkweise zu durchbrechen und damit auch das ineffiziente und instabile System von Proporz und Kuhhandel in Europa abzulösen, mit dessen Folgen wir alle leben müssen.

Vorleben als Motto
AEGEE setzt auf das Ideal eines Europas ohne Nationen und lebt dies auch vor, indem es - im Gegensatz zu allen anderen pan-europäischen oder internationalen Organisationen - auf eine nationale Hierarchieebene verzichtet: “AEGEE Deutschland” gibt es nicht! Dies bedeutet auch, gegen den Strom zu schwimmen, z. B. bei der Ansprache von fast ausnahmslos national organisierten Sponsoren oder Medien. AEGEE versucht immer wieder auf’s Neue, die Interessen europäischer Studierender z. B. hinsichtlich Gleichberechtigung und Mobilität während des Studiums und der europaweiten Anerkennung der jeweiligen Studienleistungen und -abschlüsse zu vertreten - sei es mit Beraterstatus beim Europarat in Straßburg, beim Europäischen Parlament und bei der UNESCO (wie vor kurzem bei der World Conference on Higher Education in Paris) oder mit europaweiten Aktionen wie dem “SOKRATES Action Day” am 12. November dieses Jahres. “The duty of AEGEE Europe: Being at the core of every debate concerning European Higher Education” sagte unlängst Franck Biancheri, Gründer und Ehrenpräsident von AEGEE Europe.
Natürlich müssen den Worten auch Taten folgen. Deshalb gibt es von sehr vielen AEGEE locals (auch “Antennen” genannt) ein Betreuungsprogramm für die ERASMUS/SOKRATES-Studenten in ihrer Stadt, so z. B. in Aachen, Barcelona, Firenze, Granada, Lund, Paris, Sevilla, Utrecht und - seit 1996 - auch in Augsburg.

Das Augsburger ERASMUS-Programm
In den vergangenen zwei Jahren schuf AEGEE Augsburg ein vielseitiges Programm. Hauptziele der gesamten ERASMUS-Betreuung sind die Integration der Studenten innerhalb kürzester Zeit und dann aber auch die Förderung des kontinuierlichen Miteinanders im Semesterbetrieb. Das Programm für das laufende Wintersemester wurde in Zusammenarbeit mit der Fachschaft Anglistik organisiert. Ein ERASMUS-Hüttenwochenende, der bereits allseits bekannten ERASMUS-Stammtisch, aber auch eine Stadtführung waren im Angebot. Eine Fahrt nach Nürnberg, ein interkultureller Workshop und der Besuch verschiedener Augsburger Sehenswürdigkeiten werden in diesem Semester noch folgen.
Für die Augsburger Studenten, die sich für einen Auslandsaufenthalt entscheiden, bietet AEGEE Augsburg ein ganz besonderes Programm: den “Plan de Lafayette”. Es ermöglicht den Studenten bereits zu einem frühen Zeitpunkt - noch bevor sie sich verbindlich bewerben müssen - die Kontaktaufnahme mit einer ausländischen Universität. Dabei kann im voraus schon mal das städtisch-studentische Umfeld dieser Universität beschnuppert werden.

Das weitere Spektrum
AEGEE geht aber über ERASMUS hinaus und bietet viele weitere Möglichkeiten, Europa zu “er-”leben. Im Rahmen einer Sprachenbörse vermittelt AEGEE Augsburg z. B. allen interessierten Studenten je nach Sprachneigung und kulturellem Interesse einen entsprechenden Partner. Bei fachlichen Problemen werden die Studenten sogar durch das Sprachenzentrum unterstützt. Oft ergibt sich ein regelrechtes Sprachtraining, eine völkerübergreifende Freundschaft oder eine Einladung für den nächsten Urlaub.
Ob zum Kongreß nach Ankara, zum Seminar nach Valladolid, zur “Snow University” nach Tampere oder zum Maskenball nach Heidelberg - an (fast) jedem Wochenende kann man in eine europäische Stadt fahren und nicht nur inhaltlich etwas hinzulernen, sondern auch Land und Leute schätzen lernen. Regelmäßige Besuche europäischer Veranstaltungen im Ausland gehören für AEGEE-Mitglieder einfach dazu! Und einmal im Jahr lädt die AEGEE-Lokalgruppe nach Augsburg ein: Zuletzt im September 1998 waren zwei Wochen lang Gäste aus ganz Europa bei der Veranstaltung “WASTEing our future” zu Besuch. Höhepunkt war sicherlich das Kongreßwochenende, an dem mit prominenten Referenten die europäische Müllproblematik diskutiert wurde.